Ernestine Kiffmann: Zeitzeugin gegen das Vergessen
Was Ernestine Kiffmann in ihrer Kindheit mitmachen musste, ist für die meisten heute kaum mehr vorstellbar. Die ersten beiden Lebensjahrzehnte der Wienerin waren zu großen Teilen geprägt von Todesangst, Hunger und Ungewissheit. Uns erzählte Ernestine, wie sie den Zweiten Weltkrieg erlebte und was sie danach zeitlebens beschäftigte.
Ein Sommertag im Juli 2025. Wir treffen Ernestine Kiffmann und lernen sie als äußerst sympathische, offene Gesprächspartnerin kennen. Das Interview führt Lukas Arnold vom Verein „Unter Wien“, er kennt die im Jahr 1931 geborene Wienerin bereits von einem früheren Zeitzeugenprojekt. Schnell sind wir in medias res, als Ernestine an ihr achtjähriges Ich im Jahr 1939 zurückdenkt: „Anfangs waren noch keine großen Ereignisse. Wir hatten Lebensmittelmarken und ich hatte nie Hunger, höchstens auf Schokolade.“
Traurige Erinnerungen einer Zeitzeugin an die spurlos verschwundene jüdische Lehrerin
Ihre Eltern schenkten Ernestine ein Akkordeon und schickten sie zum Musikunterricht zu einer „sehr netten Lehrerin“, wie sich die Zeitzeugin erinnert:
„Es gab ein Kinderkonzert in den Eschenbach-Sälen. Alle Familien der Kinder waren dort und ich musste den Fehrbelliner Reitermarsch auswendig spielen. Meine Lehrerin war hochbeglückt. Eines Tages gehe ich wieder in die Schule und es waren alle Türen verschlossen, sie war weg. Und da hörte ich das erste Mal in meinem Leben das Wort Jüdin. Ich habe sie nie wieder gesehen.“

Kinderlandverschickung in Wien: Als die Jungen ihre Eltern verlassen mussten
Mit Wehmut erzählt Frau Kiffmann von der sogenannten Kinderlandverschickung während des Zweiten Weltkrieges. Die Nationalsozialisten evakuierten dabei unzählige Kinder aus kriegsbedrohten Städten und verbrachten sie in ländliche und sicherere Regionen. Auch viele Wiener Kinder waren betroffen, sagt Ernestine im Interview:
„1940 und 1941 gab es schon vereinzelt Angriffe, obwohl die großen Bombenangriffe erst deutlich später gekommen sind. Aber es hieß: Alle Wiener Kinder müssen aus der Stadt weg. Meine Klasse wurde evakuiert zu den Krimmler Wasserfällen. Eine wunderbare Gegend. Aber die Gegend interessierte mich nicht, ich hatte nur Heimweh.“
Eines Tages ging sie mit Freundinnen auf die Post, um ein Telegramm aufzugeben: „Aushalten unmöglich! Holt mich sofort!“, so die Botschaft an die Eltern. Der Plan ging auf, wie sich Ernestine erinnert: „Sie konnten mich holen, aber nur unter der Auflage, dass ich von Wien weg in eine andere Gegend komme. Zum Glück hatte ich einen Onkel, dessen Schwester wohnte in Niederösterreich in Altenmarkt-Thenneberg. Die haben mich aufgenommen.“
Kriegserinnerungen aus Altenmarkt-Thenneberg im Triestingtal
Die meiste Zeit war es ruhig in Altenmarkt-Thenneberg. Eine knappe Stunde von Wien entfernt bekam Ernestine anfangs nicht viel mit vom Krieg. Mit einem sanften Lächeln im Gesicht spricht sie von der schönen Gegend, neu entstandenen Freundschaften und dem Weg zur Schule mittels Eisenbahn. Doch selbst im scheinbar sicheren Triestingtal passierte eines Tages ein schockierender Zwischenfall, an den sich Ernestine im Interview mit teils geschlossenen, teils weit aufgerissenen Augen zurückerinnert. Weil gerade keine Bahn fuhr, mussten die Kinder zu Fuß von der Schule nach Hause gehen, schildert sie:
„Dann griff uns ein Tiefflieger an. Das war so entsetzlich, dieses Riesen-Flugzeug! Also stürzten wir uns in den Wald, um uns zu retten. Nach längerer Zeit wurde ein Flugzeug abgeschossen und aus dem Flugzeug segelte ein Fallschirmspringer.“
Was steckt hinter dem dramatischen Flugzeugabschuss im Triestingtal?
Zu viert oder fünft, so erinnert sich die Zeitzeugin aus Wien, gingen die Kinder auf die Suche nach dem verunglückten Fallschirmspringer. Wenig später dann die Begegnung mit dem Bruchpiloten: „Wir riefen ‚Hands up!‘. Vor uns stand ein großer Amerikaner, wohlgenährt und gutaussehend. Wir führten ihn nach Altenmarkt, da war das Gemeindeamt.“ Nähere Ausführungen zu weiteren Flugzeuginsassen macht Ernestine im Interview nicht. Nur so viel erzählt sie uns: Im Ort feierte man die Kinder als Helden, weil sie einen amerikanischen Soldaten im Schlepptau hatten. Auch zu den Ereignissen danach macht sie keine Angaben.

Kurzbericht der U.S. Air Force über den Flugzeugabsturz im Triestingtal
Eine Recherche in der „Downed Allied Air Crew Database Austria” führt uns zu einem spannenden Hinweis. Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben in der umfangreichen Datenbank sämtliche Flugzeugabstürze während des Zweiten Weltkrieges in Österreich dokumentiert. Darunter auch einen Fliegerabschuss am 29. Mai 1944 in Furth an der Triesting, unweit von Altenmarkt. Bei der zerstörten B-24H handelte es sich um einen schweren US-Bomber, der offenbar am verheerenden Luftangriff auf Wiener Neustadt am selben Tag beteiligt war. Im Video erzählt Ernestine Kiffmann von dem dramatischen Ereignis im Triestingtal.
In der Datenbank heißt es wörtlich: „Die Maschine wurde in der Formation direkt von mehreren Jägern angegriffen. Nach dem Angriff sackte das Flugzeug weg und die ersten Crewmitglieder versuchten sich mit ihren Fallschirmen zu retten.“ (DAACDA – Downed Allied Air Crew Database Austria, edited by Nicole-Melanie Goll, Georg Hoffmann and Peter Andorfer, Vienna 2025). Auch Originaldokumente der U.S. Air Force beschreiben den Absturz des Bombers. Ob es sich tatsächlich um den von Ernestine Kiffmann beschriebenen Vorfall handelt, kann heute nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit gesagt werden.

Statement eines US-Soldaten zum Abschuss der Maschine.
Wien im Bombenkrieg
Der furchtbare Zwischenfall im Triestingtal sollte für Ernestine nicht der einzige im Bombenkrieg über Wien bleiben. Eines Tages beschloss die mittlerweile Dreizehnjährige, Heidelbeeren nach Wien zu ihren Eltern zu bringen: „Ich fuhr mit der Bahn nach Wien, aber in Atzgersdorf war schon Endstation, denn es war Fliegeralarm“, schildert sie und fährt fort: „Wir stiegen alle aus Richtung Wien, die Straßen waren menschenleer und die Luftschutzwarte, die überall bei den Häusern standen, holten mich hinein.“ An jenem Tag kam Ernestine ohne weitere tragische Ereignisse gut in Wien an und konnte die Heidelbeeren vom Land bei ihrer Familie abliefern.
Politische Häftlinge mussten Bombe entschärfen
Etwas später im Jahr 1944, nach ihrem Schulabschluss, kehrte unsere Zeitzeugin dauerhaft nach Wien zurück. Die Luftangriffe nahmen stark zu und trafen nun auch das eigene Wohnviertel, wie Ernestine schildert:
„Es fiel dann eine Bombe auch in unser großes Zinshaus, ein Zeitzünder. Wir mussten die Wohnung verlassen, das Bettzeug mitnehmen, in die Schule gehen und dort übernachten. Am Mittersteig war ein Gefängnis für politische Häftlinge, und die wurden abkommandiert, die Bombe zu entschärfen. Ein Todeskommando! Aber den Männern gelang es, die Bombe zu entschärfen. Explodiert sie, explodieren die Männer mit, also schrecklich ist das gewesen.“
Erzählungen wie diese schafft die heute 94-Jährige nur unter Tränen und mit teils geschlossenen Augen.
„Ich wünsche jedem, so etwas nicht erleben zu müssen“
Auch die Erinnerungen an den Luftschutzkeller lassen Ernestine emotional werden. Dicht gedrängt waren Frauen und Kinder metertief unter der Erde zusammengekauert, während ringsum mit ohrenbetäubendem Krach die Bomben einschlugen. Der Krieg hat bei ihr zwar keine sichtbaren Narben hinterlassen, doch die traumatischen Erfahrungen haben sich tief eingebrannt:
„Wenn man sich daran erinnert, kann man sich gar nicht vorstellen, dass man das alles überlebt. Aber ich wünsche jedem, der mich hört oder sieht, so etwas nicht erleben zu müssen.“


